Zeitfluss

Zusehen, wie die Zeit verrinnt

Eine temporäre Installation im öffentlichen Raum zum Thema Zeit

Von 8. bis 22. September 2013 konnte von der Karwendelbrücke in Innsbruck aus, die Zeit beim Verrinnen beobachtet werden.

Ohne Flecken verrinnt die Zeit. Es geschieht ohne Spuren, und am Gipfel einer Zeitnot bleibt nur die Frage: Wo ist die Zeit bloß hin?
Die Installation „Zeitfluss“ gibt dem Abhandenkommen der Zeit eine sichtbare, wahrnehmbare Form. Mittels schwarzer Farbtropfen wird die jeweils aktuelle Zeit im Format HH:MM (z.B. 12:47) auf der Wasseroberfläche des Inns abgebildet. Der Fluss nimmt das flüssige Werk mit, worauf die Zeit sich in dessen Wellen aufzulösen beginnt: Die Zeit verrinnt.
Vor den Augen entschwindet die Zeit, und der ansonsten unangenehme Moment erhält eine beruhigende Ebene - der Fluss nimmt seinen Lauf, auch wenn man stehen bleibt und die eigene Zeit gibt ihren Wert an sich zu erkennen.

Berichte und Artikel


Die Zeit verinnt uns zwischen den Fingern. Unsichtbar kommt sie uns abhanden und wir fragen uns oft: „Wo ist meine Zeit bloß hin?!“
In Gedanken, die Menschen in den letzten 250 Jahren zu Papier brachten, wird oft bedauert, dass einem die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge fehlt; oft fehlt schon die Zeit, die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nur einmal auszumachen. Die zeitliche Eingrenzung auf das letzte Vierteljahrtausend ist verbunden mit der industriellen Revolution. Durch sie, so bemerkte der Historiker Edward P. Thompson, kam es zu einem Übergang von einer „natürlichen Zeit“, die bestimmt durch die Kreisläufe der Natur war, hin zu einer künstlichen Zeit, deren Takt durch die Produktion der Maschinen vorgegeben wird. Damit kamen dem Menschen schrittweise die Möglichkeiten abhanden, selbst Frau und Herr über die eigene Zeit zu sein. Äußere Terminlichkeiten drängten zur Zeitdisziplin und führten zur ein oder anderen Zeitnot - die Zeit begann zunehmend zu verrinnen; und mit dem Fortschritt und dem schrittweise verdichteten Netz an Terminen und dead lines (= Todeslinien) verstärkt sich dieses Gefühl.
Aus diesen Beobachtungen heraus ergibt sich eine Notwendigkeit, Situationen zu schaffen, die das Sich-Zeit-Nehmen nahelegen und ermöglichen; Situationen, die bewusst machen, dass die eigene Zeit nicht fremdes Eigentum ist und die Möglichkeit besteht, sie sich zu nehmen. So zum Beispiel dafür, um der Zeit beim Verrinnen zuzusehen und diesen Prozess als etwas Schönes und Angenehmes wahrzunehmen. Dem sei abschließend ein Gedanke aus dem Nachwort zu Hermann Hesses „Kunst des Müßiggangs“ hinzugefügt:

„Sie [die Kunst des Müßiggangs] ist nicht hausbacken-reaktionäre Idyllik, als welche sie von den Kritisierten gerne denunziert wird. Sie ist Verweigerung gegenüber den Einschüchterungen des Quantitativen und Ansporn zu Skepsis, Eigensinn und Individualität, zur Alternative im Qualitativen.“


Rückblicke

Der Druckapparat selbst war von der Brücke aus nicht direkt zu sehen; hier eine Aufnahme von vorne: Zeitfluss, der Druckapparat in Nahaufnahme

Oft ist zu hören, die Zeit verrinnt zu schnell; und ironischerweise war dies auch beim Zeitfluss ein Thema, da der Inn sein Wasser recht flott Richtung Donau befördert. Trotzdem ließen sich Eindrücke einfangen:

Oben ein Video mit unterschiedlichen Perspektiven auf die Installation; unten ein Zeitraffervideo der letzten rund 20 Minuten, in denen die Installation druckte.

Und die Zeit verrann - zum Teil bevor sie fotografisch festgehalten werden konnte:

Bild der gedruckten Zeit

Der Druckapparat inmitten des Alltags vor Ort

Zeitfluss, die Installation unter der Brücke

Unter der Karwendelbrücke befindet sich eine Apparatur mit 13 Mikropumpen, die zu jeder vollen Minute der Betriebszeiten Tropfen abgeben. Diese Tropfen sind mittels Lebensmittelfarbe(*) schwarz gefärbt und ergeben auf der Wasseroberfläche des Inns schwarze Punkte. In ihrer Gesamtheit geben diese Punkte die jeweilige Zeitanzeige im Format HH:MM (z.B.: 12:47) wieder. Nachdem die Tropfen im Fluss sind, trägt sie die Strömung fort und die Punkte lösen sich langsam auf: Und die Zeit verrinnt.
Die Installation arbeitet energiesparend und ist durch zwei Solarpanele energieautonom.
Zur Veranschaulichung des Konzeptes hier eine vereinfachte Skizze des Aufbaues: Skizze des Druckapparates (*) Die Lebensmittelfarbe “Brilliantschwarz” (E151), die unter anderem für Marzipan und Kaviar verwendet wird, sorgt für das Schwarz der Tropfen. Der Farbstoff ist gewässerökologisch unbedenklich und schadet weder Mensch noch Tier. Pro Tag tropfen gesamt rund 70g in den Inn.

Weitere Details zur Installation, vor allem in technischer Hinsicht, finden sich in der Dokumentation (in englischer Sprache).


Großen Anteil an der Realisierung hatten: Albert Frisch (Elektronik, Aufbau), Franz Schwarz (Farbsystem, Aufbau), Martin Grödl (Unterstützung Programmierung).
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